MANIFESTE

Mit der Wortneuschöpfung „Neue Destruktion” möchte ich einer digitalen Kunstbewegung einen Namen geben, die bislang nur in fragmentierter Form existiert. „Destruktion“ verweist auf den Akt des künstlerisch-schöpferischen (Zer-)Störens, der dem Künstler und dem Betrachter einen Eindruck in das Innenleben einer Datei gibt. Deren Fehlerpotential wird in meiner Arbeit künstlerisch verarbeitet.


Die „Neue“ Destruktion grenzt sich durch den Einsatz digitaler Medien von älteren Varianten „destruktiver Kunst“ ab.


Die elektronische Panne („englisch „glitch“) als solche wird niemals sterben. Der wahre Glitch ist ein technisch unfreiwillig auftretendes Phänomen, das uns seit der Erfindung digital rechnender Geräte unweigerlich begleitet und immer begleiten wird – ob wir ihn störend finden oder nicht.


Bereits die Datei als solche kann als Kunst verstanden werden, oder aber das Dateiformat kann zum Kunstträger werden.


Gegenwärtig scheint Glitch Art eine ewig zu erforschende Baustelle der künstlerischen Akzeptanz zu sein, abgesehen von dem technischen “high-involvement”. Doch wer sich für Glitch Art entscheidet, durchdringt die Mauer des Datei-Panzers und macht die DNA einer Datei nicht nur nach außenhin sichtbar, sondern gestaltet sie auch aktiv mit. Hier beginnt das Zusammenspiel von Hack, Gestaltung und Kunst. Bei einem künstlerisch hervorgerufenen Glitch handelt es sich, je nach Methode und Format um ein Ergebnis, das nur in einer bestimmt gewählten Weiterverarbeitungs-Art einen ästhetischen Wert hat. Bei wiederum anderen Verarbeitungen wird diese Ästhetik erst gar nicht sichtbar.


Die Grenzen digitaler destruktiver Kunst sollen verstanden und akzeptiert werden. Die Neue Destruktion erlaubt das Nachbearbeiten mit Bildprogrammen und Automatiksystemen. Die Neue Destruktion sollte dem Künstler nicht vorschreiben, was er zu lassen hat. In der Neuen Destruktion werden Grenzen ausgereizt und Parallelwege genommen, die jenseits der etablierten Gestaltungsprogramme liegen.


Der Gestaltende hat eine unbegrenzte Möglichkeit, seine Arbeiten zu offenbaren und zu zeigen. Er wählt in den meisten Fällen einen digitalen Träger, da er indirekt die Pixelbeschaffenheit studiert, die es authentisch darzustellen gilt.


Die Neue Destruktion hat unlängst angefangen. Sie ist jedoch so viel mehr als nur ein Hobby eines Kreativen. Der Kreative macht im Zeitalter der Neuen Destruktion eine Aussage über seine Einstellung zur Kunst, zur Politik, zum Zeitalter an sich, ganz zu Schweigen von seiner eigenen Person und seiner Befindlichkeit. Zusammenfassend sind die Akteure der Neuen Destruktion allesamt experimentierfreudig, jedoch unterscheiden sie sich in ihre Zielsetzungen. Manche setzen gezielt auf dadaistische Ästhetik in ihren collagenhaften Bildwelten, anderen geht es schlicht um das Beschreiben und Dokumentieren einer weiteren Technik, zu der sie gefunden haben. Ihnen kommt das Internet in seiner Tragfähigkeit entgegen.

 

Wenn wir mit der uns einfachsten Technik anfangen, Bilder per se oder in ihren Übertragungstechniken sensibel zu stören, dann öffnet dies einem jeden weitere neue Fächer, die vielleicht ein Voriger noch nicht zu kennen vermag. Wichtig ist in so einer blühenden Zeit, den Anfängen der Neuen Destruktion, dass wir diese (noch so hauchfein voneinander abweichenden) Techniken und Methoden festhalten und niederlegen. Denn jede dieser Techniken und Methoden – davon gehe ich aus – spricht ihre eigene abstrakte Bildsprache, auf den jeder Künstler und Kreative neugierig sein soll. Dann können wir vorhandene Formate (die ebenfalls ihre eigenen Typus haben) mit den Techniken kombinieren, die uns fliegen lassen.

 

Wir können Erfinder sein, Formate oder Kompressionsverfahren neu definieren und vorgefertigte Mainstream-Systeme bloßstellen.

 

RGBversetztoutzoom_2

 

 


 

“Zeitgenössische Glitch Künstler verwerten die angeborenen Glitch Impuls auf unterschiedliche Weise. Eine dreifache Kategorisierung spricht eine ununterbrochene Folge des Denkens über den Glitch an:


Von der kompletten Maschine “Spontaneität” in seiner unfallartigen Form, über das kontrollierte, testende oder konzeptionelle Glitching; bis hin zu einem eher konventionelleren Bereich des Glitch Designs und Ästhetik. Der perfekte Glitch existiert nur für den Betrachter am Wendepunkt zwischen dem Destruktivem und der Schaffung von etwas Neuem; das ist mehr eine dialektische Beziehung als lineare Entwicklung des Möglichen. Der Glitch offenbart, überbrückt aber auch Lücken zwischen der Funktion und dem Versagen von Systemen.

 

Letztendlich ist der Glitch ein subjektives Phänomen. Es gibt keine eindeutige kulturelle Definition des Glitch, genauso wenig für Noise, denn letztendlich ist der Glitch in seinem Sein oder Nicht-Sein eine subjektive Angelegenheit. Ausserdem wird die eigentlich subjektive Erfahrung Glitch, als Subkultur, die auch in großen Medienkulturen (…) behandelt wird, paradoxerweise von vielen als subjektive Erfahrung verbreitet, was das Theoretische im Glitch schwierig umsetzbar macht, aber auch schwer zugänglich oder kritisch anfechtbar.


Ein beabsichtigter und  zurechtgestalteter Glitch kann immer noch zu Recht “Glitch Art” genannt werden; und Glitch Art ist nicht immer nur eine persönliche Erfahrung der Überraschung, aber ein metaphorischer Ausdruck, je nach Wirkstoff von Interpretation.


Dementsprechend ist es für die Theorie weniger interessant, den Unterschied zwischen richtiger oder falscher Glitch Art zu überwachen, als zu verstehen, wie und durch  welche technischen Systeme und kulturellen Organe eine bestimmte Glitch Arbeit zustande kommt und als ein Glitch erlebt wird.(…)”

- Rosa Menkman / “The Glitch Momentum”, Kapitel “The Emancipation of (Dissonance) Glitch” Seite 66

14156414310-3