Grenzen bei Glitch Art

Mittlerweile sind die Grenzen innerhalb Glitch Art ausgeweitet worden. Es wird nicht nur starr mit Code und mathematischen Formeln hinter dem Visuellen operiert. Viele Künstler arbeiten auch mit 3D-Programmen, Mapping, Sound-Collagen, sogar ganz “herkömmlich” mit Photoshop.

Es gibt mittlerweile etwa fünf Argumentationsstränge, die die Grenzen in störungsbehafteter Kunst behandeln:

01. Einige der Designer, Künstler, Hacker haben eine eher puristischere Haltung als wiederum andere.  Sie behaupten, dass der Glitch als solches, also ein True Glitch Hundert Prozent der Kunst ausmachen muss. Es handelt sich z.B. um einen defekten Computer, der tatsächlich ausversehen auf den Boden gefallen ist, oder “echt” zustandegekommene Fehlübertragungen eines Internetstreams. Hier ist der Glitch als eigentlicher Fehler nicht nur eng verknüpft mit der Kunst, sondern ist sie selbst und bleibt roh und unbehandelt.

02. Eine erweiterte Form aus dem obrigen ersten Punkt: Jene Künstler behaupten, dass der Glitch als solcher immer fester Bestandteil von Glitch Art sein muss. Ohne sichtbaren Pixel-oder Farbfehler im Bild, kann es sich nur noch um einen entweder „gefälschten“ Bildfehler handeln, der durch nachahmerischen Zeichenwerkzeugen entstanden sind, oder um ein anderes Genre der digitalen Kunst, jedoch keinen für uns als Mensch typischen technischen Fehler beinahltet. Er darf aber trotzdem gestalterisch/künstlerisch aufgewertet und aufbereitet werden, um (für den Künstler) bessere/optimale ästhetische Ergebnisse zu erhalten. D.h. er darf also auch Farben mit anderen Methoden verändern oder Objekte hinzufügen, die keinen Glitch “erlitten” haben. Der typische echte Glitch jedoch muss darin erkennbar sein und steht im Mittelpunkt.

03. Der Großteil der Designer, Künstler und Hacker haben eine weiterblickende Meinung über Glitch Art. Nach ihrer Meinung darf Glitch Art mehr sein und darstellen als nur Pixelfehler, Farbstörungen oder manipulierte Frames. Es geht ihnen primär um die Ästhetik eines solchen. Sie nehmen durchaus Automatisierungsprogramme, die den Fehler nur imitieren, mit in die künstlerische Toleranz und wissen, dass es schnellere und bessere Ergebnisse liefert, als ein Hexa Editor, der viel Zeit frisst und nicht einmal garantiert, dass die Datei hinterher überhaupt zu öffnen ist. In dieser dritten Kategorie hat der Gestaltende Freude an der Schönheit des Fehlers, aber stellt Schönheit über Authentizität. Der Glitch sollte im Bild auch Bestandteil sein, wirkt aber eher dekorativ. Der Gestaltende nimmt häufig Mischtechniken und baut auch weitere nicht-glitch-enthaltende Elemente oder Stile hinein.

04. Für diese Argumentatoren ist der Glitch auch ein optisch hergestellter Bruch, ein Abriss, eine Falte oder etwas anderes, was auch mit anderen (nicht binär-behandelnden) Gestaltungsmethoden herangeholt werden kann. Es muss sich nicht mehr um Pixel, Farbkanäle oder Frames handeln, es kann auch ein Zeichenobjekt als Ganzes sein, welches z.B. Zacken, Falten, Verläufe, Splitter abbildet. Häufig werden hier 3D-Objekte und Vektorgrafiken gerendert.

05. Andere widerum verstehen den Glitch konzeptionell und basteln ein ganzes System zusammen, das auf eine für uns empfundene Störung ausgerichtet ist. Mittels eines Hardware-Hacks an Schnittstellen, Schaltungen, Steckkarten oder Platinen werden Elemente so lange manipuliert, dass neue Bildkompositionen entstehen, die in den meisten Fällen ein an sich sauberes Bild abgeben, ohne typische Verzerrungsästhetik, aber einzelne Elemente verändern oder weglassen, von denen der Betrachter erwartet hätte, dass sie als „normal“ erscheinen. (z.B. NES-Hacks, Super Mario Clouds)

 

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